Dienstag, 27. Januar 2015

Lebensmuster

Das ist der Anspruch von vielen: Etwas fürs Leben lernen! Egal ob in der Schule, auf Reisen, im Ausland, im Zwischenmenschlichen. Kann man eigentlich NICHT fürs Lebens lernen? Natürlich, nicht alles, was man sich in sein kleines Gedächtnis einprägt braucht man wirklich, vieles geht verschollen und ist somit auch nicht mehr sehr hilfreich, und der Rest hilft dann vielleicht.

In letzter Zeit merke ich, dass ich immer mehr von den „Großen“ lernen will. Den Erwachsenen. (Denn „die Erwachsenen“ sind gefühlt immer nur die, die älter sind als man selbst.) Weil ich mir denke: Die haben den ganzen Kram doch schon mal durchgemacht! Können die mir nicht was fürs Leben beibringen? Und inzwischen, finde ich, kann man sich selten raus reden mit „Ach Kind, das waren damals ja auch ganz andere Zeiten.“ Und selbst wenn: Trotzdem bist du jetzt da wo du bist und ich will wissen, wie du dahin gekommen bist!
Ich will die Muster des Lebens erkennen. Doch je genauer ich hinschaue, desto schwindeliger wird mir. Denn das Lebensmuster ist so unterschiedlich wie der Fingerabdruck eines jeden einzelnen Menschen. Wie soll man da ein wiederkehrendes Muster erkennen? Das einzige Muster, das sich erkennen lässt, ist: Menschen werden älter. Aber dafür können sie ja nichts. Und der Rest scheint sich irgendwie von alleine zu ergeben. Manche Entscheidungen sind leichter gefällt, andere schwere, andere werden einem abgenommen.

Und ich stehe da, mit großen Augen und denke mir: Ist das Leben wirklich so einfach? Besteht es wirklich nur darin, einen Fuß vor der nächsten zu setzen und zu schauen, wo man am Ende rauskommt? Liegt die Kunst des Lebens darin, einfach zu leben? Ich bin erschüttert, verwirrt, belustigt und gleichzeitig voller Angst, weil ich manchmal nicht weiß, ob ich den nächsten Schritt schaffe. Aber alle anderen schaffen es ja auch. Wieso sollte ich für immer stehenbleiben. Wegen der Angst? Ein schlechter Berater, der an mir zerrt, wie ein räudiger Köter, der alle meine Knochen will.. Aber die Neugier rennt voran wie ein kleines Kind und ruft: „Komm doch! Es ist doch nur das Leben. Das wirst du schon überleben!“ Und ich muss mich nur noch an den komischen Typen mit Schlips und Kragen gewöhnen, der wohl auch für immer neben her läuft und sich Verantwortung nennt. Die Frage ist nur: Wem gebe ich am meisten Beachtung? Der Neugier oder der Angst? Eigentlich sollte es leicht sein, der Neugier hinterher zu rennen und der Angst einen ordentlichen Tritt zu verpassen. Aber am Ende werden wir wohl zu viert dort ankommen, was sich „erwachsenes Leben“ nennt.



Auf baldigst.

Dienstag, 13. Januar 2015

Die Fülle des Lebens.

In den letzten Wochen leben ein paar Kontakte wieder auf, die längere Zeit brach lagen. Menschen, die ich aus den Augen verloren hatte, weil man zu irgendeinem Zeitpunkt nicht mehr auf eine Mail geantwortet hatte und das Leben dann einfach weitergelaufen war. Denn das macht es, das Leben, es läuft weiter, auch wenn Menschen, die uns noch so wichtig waren oder sind, in andere Richtungen gehen und nicht mehr neben uns sind. Das mag manchmal brutal schmerzhaft sein, aber irgendwann wird es besser und man gewöhnt sich an den Zustand der Abwesenheit.

Umso besonderer finde ich es, wenn Kontakte wieder aufleben, Bänder neu geknüpft werden, alte Freundschaften dadurch vielleicht eine ganz neue Ebene erreichen, weil die Zeit der Abwesenheit Veränderung, Neuanfänge, Abschlüsse und manchmal auch Heilung schenkt.

Doch eines überfordert mich bei diesen neuem Aufleben der Kontakte: Der Versuch, die Zeit der Abwesenheit zu rekonstruieren und dem Gegenüber nahe zu bringen. Eben diese ganzen unterschiedlichen Veränderungen dem anderen nahezubringen, um ihn daran nachwirkend teilhaben zu lassen oder auch um zu erklären, warum Dinge jetzt sind, wie sie sind. Keine Rechtfertigung, aber der Versuch einer Erklärung. Und wie ich das so versuche, bemerke ich die Fülle meines erst fünfundzwanzig Jahre alten Lebens. Wahrscheinlich hatte meine Schwester recht, als sie mir damals, als sie so alt war wie ich jetzt, sagte, die „Anfang zwanziger Jahre“ bringen so viel Veränderung, innerlich und äußerlich, sichtbarer und unfassbarer Art. Im „jugendlichen Leichtsinn“ habe ich mir damals gedacht, dass ich mit noch nicht mal zwanzig schon so viel Veränderung durchgemacht hatte, was sollte da noch passieren. Und heute kann ich nur den Kopf schütteln und sagen: Das Leben ist eine ständige Veränderung, innerlich und äußerlich. Und diese Veränderungen kann ich mir selbst alle kaum vor Augen führen. Wie sollte ich dazu in der Lage sein, sie jemanden, der mit mir vor ein paar Jahren das letzte Mal in Kontakt war, nahezubringen, in all ihrer Tiefe und Bedeutungsschwere?

Deswegen reduziert man wohl sein Leben oft auf die äußeren, sichtbaren Veränderung: Studium, Abschluss, Hochzeit, Haus, Kind. Dabei finde ich das, was dazwischen passiert, was uns zu solchen Veränderungen bringt und motiviert, was uns daran gefällt und was uns daran Angst macht, viel spannender als der Umstand, dass sie einem widerfahren sind, ob nun gewollt oder vom Leben hinzugefügt. Sicherlich liegt das auch an mir und meiner Weltsicht und das ich mit dem offensichtlichen so ungern zufrieden gebe. Und trotzdem merke ich: Es ist so viel, dass passt in keine Mail und auch jedes persönliche Gespräch könnte das nicht fassen. Niemand, ja wirklich kein Mensch, kann die Fülle meines Lebens jemals nachempfinden, weder in den sachlichen Umständen und schon gar nicht emotional. Und die gleich Erkenntnis gilt über mein Gegenüber: Alles, was ich an Worten und Bildern in mir aufnehme ist nur ein unsagbarer Bruchteil dessen, was die andere Person erlebt hat. Ich kann mir nicht anmaßen, zu verstehen, ich kann nur staunen und dankbar sein, für dass, was ich aufnehmen kann.

Unsere Leben sind so gefüllt mit Leben und das auf so unfassbar unterschiedliche Weise. Das macht mich, trotz der ganzen Worte hier, sprachlos. Selbst wenn wir an manchen Tagen das Gefühl haben, in den letzten Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren, sei eigentlich nicht viel passiert – es passiert trotzdem. In uns, um uns herum. Es macht mich still, ja es schüchtert mich fast ein, bei dem Gedanken daran wie groß dieser Komplex „Leben“ ist. Und es macht mich dankbar, dankbar, wie viel passiert, was ich nicht mehr in Worte fassen kann, was ich nicht mehr rekonstruieren kann, was einfach passiert, weil es soll, muss oder kann - ohne, dass es jemals jemand nochmal wiedergeben muss. Und gleichzeitig bin ich dankbar für alles, woran ich mich erinnere, was einen Platz in Herz und Gedächtnis gefunden hat und hoffentlich lange bleiben wird. Nicht nur schönes, aber eben das Leben, das ich leben darf. 

Auf baldigst.
 

Mittwoch, 7. Januar 2015

Schnell, schnell ins neue Jahr?

Jeder reagiert auf ein neues Jahr unterschiedlich. Vor allem in der Geschwindigkeit, mit der man in die neuen Möglichkeiten und Anliegen startet. Der eine hat noch ein paar freie Tage und macht einen faulen Lenz. Die andere muss schon arbeiten gehen und hat quasi keine Wahl, als mit Vollgas wieder in den Alltag zu starten.

Mein Jahr 2015 beginnt irgendwie mit einem Pausenzeichen und in vielen Momenten kann ich das genießen. Alles steht noch ein bisschen still und obwohl das neue Jahr schon da ist, ist es noch ruhig und fast unberührt. Das liegt an meinen persönlichen Umständen und ist wohl nichts, was jedes Jahr sein wird, aber jetzt will ich es so nehmen und genießen.
Doch das ist gar nicht so einfach, wenn bei allen anderen das Jahr schon im vollen Gang ist. Terminanfragen häufen sich, Planungen stehen still. Egal ob es der Sommerurlaub ist, die nächste wichtige Veranstaltung oder der Skypetermin mit einer Freundin. Alles steht. Ruht. Wartet. Und in der Faszination der Möglichkeit sagen zu können „Ich kann dazu noch nichts sagen, bitte lass mir noch Zeit“, ist diese Aussage eine schwere für mich. Ich plane gerne, habe die nächsten sechs Monate gerne grob abgesteckt und lasse Menschen ungerne in Absprachen hängen. Wenn alle rennen und du stehst, fühlt sich das komisch an. Du fühlst dich komisch in deinem Stand und alle anderen in ihrer Geschäftigkeit, die unsere Zeit mit sich bringt, wirken wie emsige Ameisen, die ihren Auftrag schnellstmöglich erfüllen wollen. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich die Pause aushalten muss, dass es bald losgehen wird, aber eben jetzt noch nicht. Und dass es auch nicht unbedingt schlecht ist, die Geschäftigkeit zu pausieren und zu warten.

„Uns will heute scheinen, die Zeit sei schneller geworden.
Aber wir laufen wohl nur selbst schneller an ihr vorbei.“
(Jörg Zink)

Natürlich steht mein Leben nicht still. Ich lebe, atme, stehe auf, schlafe, esse, schreibe diesen Text. Aber die Planung steht still und das ist irgendwie, wenn auch aufreibend, erholsam. Warten und hoffen, hoffen und warten. Und vertrauen. So fängt mein Jahr 2015 an. Und deins?


Samstag, 3. Januar 2015

Was wäre wenn...

Es ist Anfang Januar. Einer der ersten Tage im neuen Jahr. Das Wetter draußen vor dem Fenster schwankt zwischen winterlicher Schneelandschaft und graubraunen Matsch. Es ist kalt und ich bin müde. Das neue Jahr, das vor mir liegt, ist ein graues Nebelfeld mit wenig Lichtern. Was kommen wird ist unklar, was bleiben wird nicht sichtbar und das was gehen wird, versteckt sich. Ich könnte Trübsal blasen auf meiner Selbstmitleidsoboe. Ungehalten sein über die Unsicherheiten. Panisch im Kreis rennen oder Winterschlaf einlegen. Alles würde mein Innerstes befriedigen. Aber nichts würde mich davon irgendwo hinbringen. Doch wo will ich hin und welches Gefährt bringt mich dorthin, Ganz ohne alle Antworten zu kennen und den völligen Durchblick von jetzt auf gleich zu haben? Folgender Satz bringt mich in den letzten Tagen immer wieder mindestens gedanklich in Bewegung:


Zu deutsch: Was wäre wenn du morgen nur mit den Dingen aufwachst, für die du Gott heute gedankt hast? Ein Gedankenexperiment. Wie viele Tage würde ich mit viel weniger aufwachen, als ich eigentlich habe? Ich glaube, dass es Gott nicht nötig hat, dass wir ihm jeden Abend unseren Kühlschrankinhalt vorbeten und hoffen, dass die Fleischwurst am nächsten Morgen noch am gleichen Fleck liegt. Aber die Haltung ist entscheidend. Wie vieles nehme ich für selbstverständlich hin. Wie viel mehr Zeit verbringe ich mit Sorgen anstatt mit Dankbarkeit? Ich habe heute einer Freundin, die Medizin studiert, für Mediziner gedankt. Und obwohl dem kritischen Denker sicherlich gleich eine ganze Liste an Kritikpunkten an der Ärzteschaft, dem Gesundheitssystem im Allgemeinen und dem blöden Hausarzt von neben an im Speziellen, einfallen, bin ich dankbar, dass es Menschen gibt, die mit Leidenschaft um das Wohl anderer bemüht sind. (Vor allem weil ich da so völlig unbeholfen bin.)
Wenn ich morgen ohne Mediziner aufwachen würde, würde es mir hoffentlich nicht direkt auffallen, weil ich gerade keinen brauche. Aber für tausende andere wäre es der Tod. Ist die Dankbarkeitsliste also noch länger als meine Einkaufliste, weil ich noch alles andere auch abhaken muss, was mich gerade nicht betrifft? Wieder muss ich Gott nicht zum Narren halten. Aber auf die Haltung kommt es an. Und wenn ein Funke Dankbarkeit da ist, schmeiß' ein Streichholz rein. Licht hat noch nie geschadet und Dankbarkeit auch nicht – im Gegenteil, sie führt erwiesener maßen zu einem gesünderem Leben. Ich bin froh, dass Gott mein Leben nicht nur nach meiner Dankbarkeit segnet. Sonst wäre ich ein armer Mann.. ach nee Frau.. ein armes Wesen. Dabei gibt’s doch so viel zum Danken... Oder? Selbst wenn alles andere im Nebel liegt.
Es ist ein Fehler bei diesem Gadget aufgetreten.