Dienstag, 28. Oktober 2014

Mit Brille wäre das nicht passiert.

Ich bin seit fünf Jahren Brillenträger. Als ich meinen Führerschein machte, fiel auf, dass ich wesentlich klarer durch die Weltgeschichte komme, wenn meine Augen eine Unterstützung haben. Ich bin kurzsichtig und sehe damit das, was mir direkt vor Augen liegt ohne Schwierigkeiten. Doch die Ferne wird ohne Brille verschwommen und unklar und vieles erkenne ich nicht, auch nicht, wenn ich meine Augen zusammenkneife, um es besser fokussieren zu können. Ich trage meine Brille eigentlich gerne und weiß, dass sie mir eine große Hilfe ist, vor allem wenn ich aus dem Haus gehe.

Aber manchmal bin ich faul oder denke nicht sehr weit. Gestern bin ich mit meinem Mann einkaufen gefahren. Er fährt – also brauche ich meine Brille ja nicht suchen und aufsetzen. Ich sehe ja alles! Kaum war ich im Laden wusste ich wieder, dass das zu kurz gedacht ist. Denn wenn man so durch die Regale streift, will man vielleicht gerne schon von weitem sehen, ob das gesuchte Objekt sich am Ende dieser Regalreihe befindet oder nicht – und nicht erst hinlaufen müssen. Ich gebe mich selbstsicher und tue so, als ob ich alles sehe (und versuche beim „fokussieren“ nicht ganz so böse zu gucken). Letztendlich bin ich gestern auf der Suche nach einer bestimmen Sache dreimal an dem betreffenden Regal vorbeigerannt, bis ich es endlich wahrgenommen habe. Mein Mann belächelt mich und ich ärgere mich – mit Brille wäre das nicht passiert!

So geht es uns manchmal im Leben: Wir wissen, welche Hilfe wir benötigen, haben sie eigentlich sogar zur Hand und lassen sie doch links liegen, weil wir zu faul, zu stolz, zu selbstsicher, zu eitel oder einfach vergesslich sind. Ich glaube deswegen müssen wir durch so manchen Prozess in unserem Leben doppelt und dreifach laufen, weil wir ohne Hilfe nicht sehen, was wir aus dieser Sache lernen sollen. Und hat man dann die Hilfe zur Hand, schämt man sich fast, wie blind man doch war.

Es ist keine Schande, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es geht uns damit in den aller meisten Fällen viel besser, wir haben mehr Weitsicht und können besser erkennen, was zu tun ist (und wo die Dinge im Regal stehen).

Auf baldigst.

Freitag, 24. Oktober 2014

Ein Vierteljahrhundert.

Ich habe gerne Geburtstag. Und in diesem Jahr bin ich seit einem Viertel Jahrhundert auf dieser Erde. Das klingt irgendwie markant. Vielleicht weil man es eben im Jahrhundertdimension ausdrücken kann. Und das klingt, finde ich, gigantisch. Überhaupt habe ich eine Vorliebe für die ungeraden Geburtstage. Und der fünfundzwanzigste ist ungerade und doch irgendwie rund.

Wenn ich so darüber nachdenke, finde ich das Konzept „Leben“ unglaublich spannend. Man rechnet in Jahren, irgendwann eher in Jahrzehnten. Man kann sich an die Fülle des Lebens gar nicht erinnern, an all das was schon gewesen ist und wie man gewesen ist. Vielleicht an ein paar Ecken und Kanten, an herausragende Situationen, sowohl positiv als auch negativ. Aber wenn es mir jetzt schon schwerfällt, mich daran zu erinnern, wie es vor einem halben Jahr in mir aussah – so ganz werde ich nie mehr das nachempfinden können, was ich alles schon empfunden habe. Es gibt – Gott sei Dank – Erinnerungen und Erinnerungsstücke und Erzählungen und (in meinem Fall) Texte, die genau das festhalten, was ich in einem Moment fühle und vielleicht nie wieder genauso empfinden werde.

Aber das macht mich nicht traurig. So sehr wie in letzter Zeit, habe ich es noch nie zu schätzen gewusst, dass das Leben ein Prozess ist, der sich unaufhaltsam fortentwickelt. Dass es immer weiter geht – ungefragt. Nicht, dass ich sovieles wünschte, was endlich vorüber wäre oder was schneller kommen soll, als ich es erwarten kann. Aber die Gewissheit, dass das Leben weitergeht, egal welches Hoch oder welches Tief man durchmacht, dass das Leben nicht aufhört nur weil es gerade so schön ist oder eben so schlimm. Das löst eine unerwartete Gelassenheit in mir aus. Sicherlich auch bedingt durch die immer wachsende Erkenntnis, dass in der Hand des Schöpfers alles SEINE Zeit und SEIN Ziel hat, das eigentlich nichts vergebens ist, selbst wenn es sich so anfühlen mag. Dass es sich lohnt zu leben und dass auch Tage, die grau und bedeutungslos aussehen mögen, in das Gesamtbild passen – das Gesamtbild, dass sich MEIN LEBEN nennt.

Denn das ist es: Mein Leben. Meine Geschichte. Meine Entscheidungen. Meine Verantwortungen und Fragen. Meine Wege. Meine Vorlieben und Abneigungen. Mein Wachstum. Meine Liebsten. Meine Zukunft.
Und das gar nicht im Trotz gesagt, sondern in der Dankbarkeit, dass ich ein Leben habe, dass ich führen darf.

Es ist ein Privileg zu sein – erachte es nicht als klein!

Sonntag, 19. Oktober 2014

Wieviel Platz braucht ein Traum?

„Guten Tag! Ich möchte meinem Traum einen Platz geben, einen Ort wo er wohnen kann, wo er sich wohlfühlt und breit machen kann und groß und stark wird.“

„An was haben Sie gedacht?“

„Vielleicht einen eignen Raum, oder eine Fläche. Er soll sich richtig entfalten und glücklich und zufrieden werden. Ich will ihm alles geben, was er braucht, damit aus meinem Traum Wirklichkeit werden kann.“

„Soso. Wie lange haben Sie Ihren Traum denn schon?“

„Ach, dass kann ich gar nicht so genau sagen. Er kam eines Abends zu mir, als ich gedankenverloren an meinem Schreibtisch saß und über das Leben nachdachte. Er war ganz klitzeklein, so klein, dass ich ihn erst gar nicht beachtete. Aber er ist geblieben und jetzt soll er es schön bei mir haben. Also, können Sie mir weiterhelfen und mir sagen, was ich mir anschaffen sollte?“

„Wissen Sie, wenn Ihr Traum zu Ihnen kam, als Sie an Ihrem Schreibtisch saßen, ist vielleicht genau das der richtige Ort, an dem er wachsen kann.“

„Wie bitte? Auf meinem Schreibtisch ist kein Platz für einen Traum. Da stapeln sich doch meine ganzen wichtigen Unterlagen und all das Zeug, was halt auf Schreibtischen ist. Aber ein Traum kann sich doch zwischen all diesen Dingen nicht wirklich wohlfühlen und gedeihen!“

„Wie Sie meinen. Aber meine Erfahrung ist: Der Ort, an denen Ihnen ein Traum das erste Mal begegnet, kann auch der Ort sein, wo der Traum sich am wohlsten fühlt und am besten mit Ihnen reden kann.“

„Reden? Also mein Traum redet selten mit mir. Meistens nur dann, wenn es mir gerade gar nicht in den Kram passt, weil ich gerade...“

„...am Schreibtisch sitze?“

„....“

„Wissen Sie, Träume gehen eigentlich in ihrer Ursprungsform immer in das Herz des Träumers. Und wenn sie dort nicht zu Wort kommen, denn im Herzen könnten sie ja immer und überall mit dem Träumer reden, suchen sie den Ort auf, an dem sie die von Ihnen geschilderte Gedankenverlorenheit am intensivsten wahrnehmen. Bei Ihnen scheint das Ihr Schreibtisch zu sein.“

„Aber mein Schreibtisch ist nicht der Ort zum träumen. Der Traum soll doch groß und stark werden und wachsen und irgendwann Realität werden und nicht unter Ablageheftern verkümmern.“

„Das ist nun Ihre Entscheidung: Machen Sie den Ort, an dem der Traum sich wohlfühlt, zu einem Ort, an dem Sie sich wohlfühlen und wo Sie auf Ihr kleines Geschenk Acht geben können. Und ich versichere Ihnen: Wenn Sie Ihrem Traum einen ganzen Palast zur Verfügung stellen, aber nicht Ihre Zeit und Ihr Herzblut, wird er so oder so verkümmern und nicht Realität werden.“

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Gehorsam.

Gehorsam zu sein, also das zu machen, was einem gesagt wird, ist eigentlich nie eine freudvolle und glückselige Angelegenheit, die auf bunten Blumenwiesen und unter fröhlichem Gelächter vollzogen wird. Gehorsam muss man meistens dann sein, wenn es brenzlig wird, jemand das Kommando übernimmt, man sich unterordnet und man sein eigens Wollen und Bedenken zur Seite legt. In unserem Leben gibt es wenig Momente, in denen man wirklich „gehorsam“ sein muss. Früher vielleicht den Erziehungsberechtigen gegenüber (kommt aber auch immer auf den Erziehungsstil an) und den klassischen „Autoritätspersonen“ wie Lehrern, Vorgesetzten oder Polizisten. Und auch das stellt sich in meiner Weltsicht schwammig dar.

Wenn man also plötzlich zum Gehorsam angehalten ist, dann fühlt sich das befremdlich an. Weil es eben nicht nach dem eigenen Kopf geht, der doch zu jedem Sachverhalt was beizutragen hat. Gehorsam hat m.E. unglaublich viel mit Vertrauen zu tun – denn ich muss irgendwie dem Gegenüber vertrauen, dass seine Forderung zu irgendetwas führen, zu meinem eigenen Wohl oder zu dem der Allgemeinheit. Selbst bei blindem Gehorsam ist man doch so überzeugt von dem, der das Sagen hat, das man ALLES tut. Egal was.

Ich glaube nicht, dass es richtig ist, seinen Verstand auszuschalten. Aber ich glaube, dass Gehorsam wichtig ist, den persönlichen Autoritäten gegenüber. Doch weil der Verstand und auch das Herz weiter mitlaufen, wird Gehorsam nicht einfacher. Wenn man etwas tut, was außerhalb dessen liegt, worin man sich wohlfühlt (die allseitsbeliebte Comfortzone) und wo einem nichts etwas anhaben kann, man zwar weiß dass es eigentlich der richtige Weg ist, nur eben unbekannt und vielleicht unsicher, dann ist es nicht leicht, diesen Weg einzuschlagen und gehorsam zu sein.

Aber wie mir in den letzten Tagen immer klarer wird:
Wenn es einfach wäre, wäre es nichts besonderes. Und weil es nicht einfach ist, ist es eine Herausforderung. Die Frage ist nur, ob man sie annimmt oder in seiner Comfortzone weiterschläft.


Mittwoch, 8. Oktober 2014

In einem Jahr.

Es ist schon wieder Herbst. Schon wieder? Ja. Schon wieder. Gestern Abend hörte ich ein Musikalbum und fragte mich, warum es plötzlich alles so stimmig war. Und dann fiel es mir ein: Dieses Album habe ich ziemlich genau vor einem Jahr gekauft und viel gehört. Im Herbst letzten Jahres.

Und dann dachte ich plötzlich darüber nach, was letztes Jahr zu dieser Zeit alles gewesen ist, was mich bewegt hat, was für Fragen in meinem Herzen waren, welche Menschen um mich herum waren und wie es mir damit ging. Und wie so oft dachte ich mir: Meine Güte, in einem Jahr kann so vieles passieren. Ich würde nicht sagen, dass mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt ist und sich alle Lebensumstände gewandelt hätten – auf keinen Fall. Und trotzdem macht ein Jahr einen Unterschied. Und dieses Jahr (für mich) vielleicht mehr als andere.

Manches mag man vielleicht sogar belächeln, was einem vor einem Jahr so belastet hat und man würde sich selbst gerne sagen: Hey, so schlimm ist es gar nicht, das geht vorbei! Aber irgendwie hat man es ja auch selbst bemerkt, ohne dass das Zukunfts-Ich vorbeigekommen ist. Und sicherlich ist es nicht zu unterschätzen, was einem in diesem Moment bewegt – auch wenn es vielleicht in einem Jahr alles viel harmloser erscheint. Denn schließlich lebt man im Hier und Jetzt und den damit verbunden Herausforderungen. Und trotzdem: Die Zeit und vor allem Gott heilt und verändert.

Und was mag ich in einem Jahr von hier aus denken über das was mich jetzt gerade bewegt? Letztendlich finde ich es aber beruhigend, dass das Leben weitergeht, sich verändert, und das, was vor einem Jahr so intensiv das Leben drückte, heute weitergezogen ist und das, was mich jetzt umtreibt, vielleicht nächstes Jahr auch vorüber ist. Deswegen muss einen manches auch nicht zu sehr aufwühlen, wenn man sich die simple Frage stellt: Wird es nächstes Jahr noch wichtig sein?

Ich bin so froh, dass das Leben ein ständiger Prozess ist, so wie die Jahreszeiten, und wir nicht nur in einer Phase für immer stecken bleiben, sondern uns entwickeln dürfen. 

Auf baldigst.


 
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