Donnerstag, 15. Oktober 2015

Aus tiefstem Herzen

Ich sage, was ich denke, damit ich weiß, was ich denke.“ Im Gespräch mit anderen Menschen habe ich manchmal das Gefühl, dass dieser Satz ganz treffend ist. In guten Gesprächssituationen kann es passieren, dass man plötzlich Worte für etwas findet, was man vielleicht noch nie richtig in Gedanken formuliert bekommen hat. Manchmal geben sich Menschen aber auch nicht so viel Mühe, ihre Gedanken in ihrem eignen Köpfchen zu verarbeiten, sondern hauen einfach alles raus, was ihnen durch den Hirnkanal rennt.

In meinem Kopf sind eigentlich immer mehr Gedanken als ich jemals aussprechen könnte (außer ich würde 24 Stunden am Stück reden und selbst dann bin ich mir nicht sicher, ob alles gesagt werden könnte). Ich weiß, dass es gar nicht notwendig ist, alle meine Gedanken zu teilen. Manches ist völlig unwichtig, manches nur für mich wichtig. Anderes ist „nicht geeignet für die Öffentlichkeit“ und wieder anderes traue ich mich nicht, auszusprechen. Vieles mache ich mit mir in meinem Kopf aus. Das kann gut sein. Ich finde es erstrebenswert, nicht alles immer rauszuplappern, sondern sich seiner Worte und ihrer Wirkung bewusst zu sein, egal in welchem Zusammenhang. Wenn man für etwas Feuer gefangen hat, passiert es natürlich schneller, dass man sich in einem Thema ereifert (egal ob es die Ohren der anderen so interessiert wie einen selbst). Aber oftmals kommt aus meinem Mund weniger als das, was eigentlich in meinem Kopf und meinem Herz sind.

Dabei ist es so viel Wert, dass Herz sprechen zu lassen. Nicht unbedingt aus der wilden, akuten Emotion heraus, sondern aus dem stillen, tiefen Herz. Denn wenn man das, was in der Stille und in der Tiefe des Herzens sitzt, nicht ausspricht, kann es so schnell passieren, dass Menschen sich nicht ernst genommen, nicht wahr genommen, nicht wert geschätzt fühlen. Weil die oberflächlichen Worte (die sogar dieselbe Intention haben können) nicht dieselbe Wirkung haben. Es kann heilsam sein, nicht nur das Endprodukt der Gedanken und Gefühle dem Gegenüber entgegenzuhalten, sondern auch die Hintergründe, den Weg dort hin auszusprechen. Nicht um sich zu rechtfertigen oder einen Seelen-Stripteas hinzulegen, sondern um dem Endprodukt mehr Tiefe und mehr Herz zu geben. Denn in der Tiefe wachsen die Herzbeziehungen. 

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Abstand gewinnen.

Jahrelang habe ich Tagebuch geschrieben. Weil ich bekanntermaßen gerne schreibe und manche Lebensmomente gerne festhalte und manchmal einfach „mein Hirn freischreiben muss“. Gerne passiert das aus der akuten Situation heraus.

Liebes Tagebuch. Heute ist alles Scheiße.
Liebes Tagebuch. Heute ist alles toll.
Liebes Tagebuch. Ich bin müde.
Liebes Tagebuch. Ich kann nicht schlafen.

Ich schreibe dann quasi „im Affekt“ - also aus der Situation heraus. Ich gebe dem akuten Gefühl, dass mein Herz scheinbar übermannt, Raum auf dem Papier, vor allem damit es nicht mehr so viel Platz in mir drin einnimmt. Dieser Weg ist aber nicht gut durchdacht. Denn zum einen schreibe ich nicht ALLES auf, also nicht aus jeder Emotion. Besonders schöne Momente will ich nicht „an das Papier verschwenden“ sondern in meinem Herzen festhalten, besonders blöde Momente schreibe ich auch nicht auf, weil ich mich ja nicht für immer an diese oder jene vielleicht peinliche Situation erinnern will. Zum anderen ist das Gefühl nach dem Aufschreiben nicht besonders. Keine Erleichterung. Kein Umdenken. Es bringt mich nicht weiter. Im Gegenteil:
Ich habe beobachtet, dass ich weniger Tagebuch geschrieben habe, weil mir dieses Buch zu einer Müllhalde meiner nervigsten Emotionen wurde.

Vor einiger Zeit habe ich eine Lösung gefunden: Ich schreibe nicht mehr über das Heute, nur noch über das Gestern!

Liebes Tagebuch. Gestern war ein anstrengender Tag.
Liebes Tagebuch. Gesten war ein schöner Tag.
Liebes Tagebuch. Gestern war mein Kopf voll Gedanken über...

Es ist eine Reflexion. Versuch dich jetzt mal an das zu erinnern, was du gestern Nachmittag gegen 15:30Uhr gemacht und gedacht hast. Das kann man kaum mehr so genau nachvollziehen.
Und wie war deine Stimmung gestern Abend? Man behält viel mehr einen Gesamteindruck.
Mit etwas Abstand ist gar nicht mehr alles scheiße, sondern vielleicht nur eine Situation, die einem nicht geschmeckt hat. Die wilden Emotionen sind nicht mehr präsent, sondern der ruhige Kern wird sichtbar.

Dafür sind zwei Sachen nötig: Ruhe und ein bisschen zeitlicher Abstand. Mancher Pups, der einem an einen Tag zu quer sitzt, ist am nächsten Tag schon wieder vergessen. Und anderes ist dafür wesentlich wichtiger, was vielleicht in der erlebten Situation noch gar nicht zu fassen war.

Bei manchem denke ich mir inzwischen „Oh, ich freue mich das morgen in mein Tagebuch zu schreiben!“ Das geschieht dann nicht immer, weil es am nächsten Tag gar nicht mehr so wichtig ist. Und manchmal ist es genau das, was sich festzuhalten lohnt.
Und die ganzen alltäglichen Querelen bekommen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit und sind deswegen auch (manchmal) weniger nervig. Reflexion, das tut gut!




Donnerstag, 1. Oktober 2015

Im Affekt!

Als ich zur Schule ging, kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Klassenkameraden, bei der der eine  mit einem Gegenstand auf den Kopf des anderen einschlug. Das Entsetzen war groß und zog eine Menge Konferenzen nach sich, aber noch bevor dem Schlagenden irgendein Vorwurf gemacht werden konnte, rief er – in meiner Erinnerung beide Hände abwehrend in die Luft streckend: „Das war im Affekt!“

Da hatte jemand ein schlaues Wort aufgegriffen und gleich mal angewendet. Denn es bedeutet, dass er nicht nachdenkend gehandelt hat, sondern aus einem erregten Gemütszustand heraus und deswegen nicht unbedingt im vollen Maßen bestraft werden kann.

Diese Rechtfertigung ist mir sehr ins Hirn gebrannt. Es klang so, als ob damit alles entschuldigt sei. Aber ist es da?
Können wir uns (jetzt mal fernab von großen juristischen Fragen) damit rechtfertigen, dass wir „im Affekt reagiert haben“? Dass uns die Emotionen überrannt haben und wir keinen „kühlen Kopf“ bewahren konnten? Dass wir nicht die Klappe halten konnten? Sind wir frei von Schuld, wenn wir die Kontrolle verlieren?
Ich glaube nicht.
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Worte aus einem schneller herausbrechen, als man sie kontrollieren kann und man, noch während der Klang der Stimme im Raum verhallt, ganz genau weiß, dass man mit diesen Worten Schlimmes angerichtet hat.
Ich weiß aber auch, wie es sich anfühlt, wenn diese Wut, Trauer oder welche Emotion auch immer, im Herzen hochkriecht und alles gefangen nimmt, jedes Wort plötzlich in einem anderen Licht darstellt und schon die kleinste Kleinigkeit das Fass plötzlich zum überlaufen bringen kann.
Und ich weiß, dass ich dieser Emotion entgegen treten kann, BEVOR sie alles einnimmt.

Was in solchen Momenten oft fehlt, ist Geduld. Mit dem Gegenüber, mit sich selbst, mit der Gesamtsituation. Es ist eine Kunst, die wirklich nicht leicht zu erlernen ist, sich selbst im Griff zu haben. Nicht, um immer alles wegzulächeln, sondern um weise vorzugehen. Um Konflikte zu lösen, anstatt Öl ins Feuer zu gießen. Und natürlich werden diese Gefühle in dir sagen: Nein! Du kannst uns nicht kontrollieren! Wir müssen hier raus! Aber ich lerne immer mehr, dass es meistens nicht viel bringt, aus der (negativen) Emotion heraus zu agieren. Denn oft sind diese (aufbrausenden) Emotionen nicht der Kern des Problems. Der Kern ist oftmals viel ruhiger weil eingeschüchtert und verletzter, als dass er große Wellen schlägt. Ihn zu finden ist die Lösung. Und nicht mit all den wilden Emotionen „im Affekt“ um sich zu werfen.

Ich will lernen, mich von diesen wilden Emotionen (ob nun meine eigenen oder die der anderen), nicht mehr einschüchtern und provozieren zu lassen, sondern den Kern zu finden. Dazu das nächste Mal mehr!

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Dieser Text gehört zu einer kleinen Serie unter dem Motto #herbstgefühle aus dem Oktober 2015.
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