Mittwoch, 25. März 2015

Vetrauensfrage

„Ich bin noch mal kurz draußen.“ Sie schließt die Tür zu meinem Zimmer so schnell, wie sie sie geöffnet hat. Ich reagiere nicht sofort. Wie oft ging sie am frühen Abend nochmal raus an die frische Luft, besonders seitdem die Sonne länger draußen war. Doch irgendwie hat ihre Stimme einen Nachklang, der mir keine Ruhe lässt. Ich ziehe mir mein Hemd über und gehe hinaus, durch den Garten, den Hügel hoch und finde sie dort, auf der alten Bank sitzend, die Knie an die Brust gezogen. Ich weiß, dass sie mich bemerkt hat, auch wenn sie keinerlei Reaktion zeigt. Deswegen bleibe ich unentschlossen neben ihr stehen. „Ist gar nicht so warm wie ich dachte“, sage ich und verschränke die Arme vor der Brust. Keine Reaktion. „Was ist los.“ Das ist eher eine Aufforderung, als eine Frage. Sie lässt ihren Kopf in den Nacken fallen, ihre Augen sind geschlossen. Ich mich setze doch neben sie. „Mein Kopf ist so voll. Ich wollte einfach ein bisschen Ruhe haben, weil ich nicht weiß, was ich denken soll und gleichzeitig Milliarden Gedanken im Kopf habe.“ „Geht es wieder um ihn?“, frage ich besonders desinteressiert. Er war in den letzten Wochen Gesprächsthema Nummer Eins gewesen und Grund für Tränen und Wut, Diskussion und Ratlosigkeit. Ich habe keine Lust, schon wieder über ihn zu reden. Doch sie zieht ihre Augenbrauen ablehnend zusammen und verzieht ihren Mund, als sein meine Vermutung das absolut Unwahrscheinlichste, was sich je ein Mensch ausdenken könnte. „Nein. Ausnahmsweise geht es mal um mich.“, verkündet sie, als sei es in den tausend Gesprächen der letzten Wochen sonst immer nur um mich gegangen. „Und was denkst du über dich?“, frage ich. Ich habe mir angewöhnt, auf jegliche emotionalen und gehässigen Anspielungen nicht mehr zu reagieren um schneller auf den Kern zu kommen. Sie schweigt für einen Moment, umklammert ihre Beine und lässt ihren Blick über die Felder streichen, die sich vor uns erstrecken. Vermutlich wiegt sie ab, ob sie ihre Gedanken wirklich preisgeben kann, ohne für verrückt erklärt zu werden. Sie sieht mich nicht an als sie schließlich traut: „Ich kann mir nicht mehr vertrauen.“ Ich kratze mich am Kopf. Was für eine Erkenntnis. „Warum das?“, frage ich zurück. Wieder schüttelt sie den Kopf, als sei die Antwort auf meine Frage für alle Welt ersichtlich. „Bei allem was ich tue, alles, was ich entscheide, was ich denke und fühle, verlasse ich mich auf mein gutes Gefühl. Gutes Gefühl ist gleich richtiger Weg. Aber schau dir doch an, wo ich gelandet bin! Wie soll ich mich je wieder auf mein scheinbar gutes Gefühl verlassen, wenn dabei nur sowas raus kommt!“ Bei den letzten Worten stößt sie ihre Beine vom Körper ab und lässt sie auf den Boden fallen. Ihr Frust sprüht aus jeder Körperzelle. „Ich bin wie gelähmt, ich kann mich für nichts mehr entscheiden, ich kann keinen neuen Weg einschlagen, ich kann nichts machen! Denn entweder habe ich kein Gefühl oder ein gutes und beide bringen mich nicht weiter. Wie oft hat mein gutes Gefühl mich in letzter Zeit in eine Sackgasse gebracht.“ Es ging bestimmt auch um IHN, aber ich spare mir den Hinweis. Vielleicht ist ER auch nur der Auslöser dieser weitgreifenden Erkenntnis. Sie sieht mich flehentlich an. „Wie soll ich leben, wenn ich mir selbst nicht mehr vertraue?“ Sie sieht so klein aus, so verletzt, so enttäuscht von sich selbst. Ich will sie in den Arm nehmen, aber riskiere es doch nicht. „Du hast mich. Mir kannst du vertrauen.“, sage ich leise. Sie verdreht die Augen. Gut dass ich ihr nicht näher gekommen bin. „Ich weiß.“, sagt sie, als zähle ich nicht. „Aber ich muss mir selbst vertrauen können, verstehst du das nicht? Ich kann doch nicht nur durch dich leben. Ich muss doch auch selbst entscheiden können und mir meiner sicher sein... Und das bin ich nicht mehr.“ Ich verschränke die Arme wieder dicht vor meiner Brust. „Und was willst du dagegen tun?“ Sie schüttelt nur traurig den Kopf. „Das weiß ich noch nicht.“ Ich versuche es noch einmal: „Vielleicht brauchst du für dein Leben gar kein gutes Gefühl. Vielleicht kannst du auch so leben.“ Sie reagiert nicht. Entweder weil es Quatsch ist, was ich sage, oder weil sie darüber nachdenkt. Wir schweigen beide für einen Moment. „Vertraust du dir?“, fragt sie dann leise. „Klar.“, antworte ich ohne länger darüber nachdenken zu müssen. Sie sieht mich forschend an. „Und was machst du, wenn du dich für etwas entscheidest und es eine Sackgasse ist?“ „Dann zucke ich mit den Achseln und gehe zurück.“ „Und du zweifelst nicht an dir selbst?“ Sie sieht mich an, als wäre ich ihr noch nie begegnet. „Wozu? Das bringt mich auch nicht weiter.“ Sie lächelt. Endlich. Und schüttelt amüsiert den Kopf, als seien meine Worte wieder mal total abwegig. Aber sie lächelt. Also wird sie darüber nachdenken.


Montag, 23. März 2015

Bananenschalen am Wegesrand.

Zur Zeit verbringe ich immer mal wieder mehr Zeit draußen. Dabei sind sie mir begegnet. Sie liegen am Wegesrand. Klein, schwarz-braun, verschrumpelt. Von weitem könnte man sie mit Laub oder Unschöneren Dingen verwechseln, die man dort auch manchmal findet. Aber sie sind nicht ekelig. Sie sind nur Abfall, den jemand beim Spazierengehen hat fallen lassen oder übermütig beim Autofahren aus dem Fenster geworfen hat. Ich rede von Bananenschalen. 


Zumindest auf der Strecke, an der ich im Moment öfters vorbei laufe, liegen mehrere von diesen Exemplaren. Bananenschalen werden zwar schnell braun, aber sie zersetzen sich in unseren Breitengraden nur sehr langsam. Sie sind zwar keine Gefahr aber doch irgendwie eine Umweltverschmutzung und ihre unrechtmäßige Entsorgung soll angeblich sogar als Ordnungswidrigkeit gelten. Ist das wirklich ein Blogeintrag wert?

Ja, denn mir kamen beim Anblick folgende Gedanken:
Manche Dinge in unserem Leben hatten mal einen Zweck, aber jetzt sind sie nichts als der Rest von irgendwas, was längst gegessen ist. Man will sie nicht mehr mit sich herumtragen. Aber anstatt sie ordentlich zu entsorgen, schmeißen wir sie nur an den Wegesrand unseres Lebens unter dem Motto „wird schon vergehen“. Das wird es bestimmt auch irgendwann. Die Frage ist nur, will man sich solange diese kümmerlichen Reste angucken, jedes mal wenn man daran vorbei kommt? Das Leben aufzuräumen ist oft müßig, aber über Reste zu stolpern, die man nicht mehr braucht, die einem nichts mehr geben, nichts wert sind und eigentlich auch gar nicht dafür gedacht sind, dort herrum zu liegen, ist eigentlich genauso blöd.

Habe doch den Mut, deine alten Bananenschalen wirklich zu entsorgen und nicht weiter in deinem Leben herumliegen zu haben. Man muss nicht immer warten, bis alles von alleine vergeht, sondern selbst was ändern und emotionale, psychische und zwischenmenschliche „Reste“ richtig entsorgen.

Auf baldigst!

Mittwoch, 18. März 2015

Auf die Motivation ist kein Verlass.*

*Dieser Post könnte Spuren von Motivationssprüche-Konsum beinhalten. Mein Dank geht an Pinterest.

Es gibt Tage, an denen frage ich mich ernsthaft, wie man sein Leben nicht hochmotiviert, glücklich und zielstrebig leben kann. Und es gibt Tage, an denen frage ich mich ernsthaft, wie ich jemals so motiviert sein konnte, um den ersten Satz überhaupt zu denken.

Motivation ist ein sehr flüchtiges Wesen. Eben durchströmt es noch jede Körperzelle und dann rennt es schon mit einem Cocktail über die Wiese und lässt einen einsam und unmotiviert zurück.

Ich glaube, das Leben gibt einem eigentlich genug Gründe, um fröhlich etwas anzufangen und in dieser Stimmung zu bleiben. Man muss nur dran bleiben. Es gibt dazu diesen Spruch, der mich jedes Mal zum Schmunzeln bringt: „Menschen sagen oft, dass Motivation nicht lange anhält. Nun, genauso ist es mit dem Waschen, deswegen empfiehlt es sich, es täglich zu machen.“ Motivation verhält sich nämlich wie eine Muse, die einen küsst und dann will man irgendetwas machen. Nicht unbedingt, aber vielleicht. Deswegen sollte man vielleicht weniger auf die Motivation geben, als auf die Ziele, die man erreichen will, die es einfach notwendig machen, nicht die Flinte ins Korn zu werfen, weil man sich heute „nicht danach fühlt“. (Ausnahmen bestätigen die Regel.)

Egal ob beim Sport oder beim Schreiben, bei meiner Zeit mit Gott, meinen Lesevorhaben, meinen Wünschen für zwischenmenschliche Beziehungen, meine persönlichen Ziele – bei allem merke ich mehr und mehr: Es geht nicht darum, ob oder wie stark ich motiviert bin, sondern nur darum, dass ich nicht aufgebe. Denn wenn man aufgibt, muss man immer wieder von vorne anfangen, wenn man das Ziel doch erreichen will. Also wenn du keine Lust mehr hast, immer wieder von vorne anzufangen, hör auf aufzugeben.

Auf baldigst.

Dienstag, 10. März 2015

Die Kunst, sich selbst nicht länger was vorzumachen.

Tausend Sachen gleichzeitig zu machen scheint heute manchmal Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Leben zu sein. Diese Fähigkeit nennt sich „Multitasking“ und wird sehr gerne dem weiblichen Geschöpf zugeschrieben. Vermutlich, weil es, sobald ein Kind im Spiel ist, einfach gezwungenermaßen immer ein Auge auf dasselbige haben muss und trotzdem noch den Rest des Lebens auf die Reihe bekommen will. Aber auch ganz ohne Kind, macht man so einiges gleichzeitig und fühlt sich dabei vielleicht noch besonders effizient.

Ja, manche Dinge mache ich gerne eher „doppelgleisig“. In fast allen alltäglichen Tätigkeiten, lasse ich gerne Musik im Hintergrund laufen. Und auch bei langen Autofahrten bin ich ein Freund von Hörbüchern. Und natürlich erwische ich mich dabei, wie ich nebenher beim Film gucken schnell eine Whatsapp-Nachricht beantworte.

Und da fangen die Probleme an: Letztens habe ich deswegen eine wichtige Schlüsselszene verpasst und musste zurückspulen, um die Geschichte noch zu verstehen. Wenn es beim Autofahren kompliziert wird, hört mein Gehirn dem Hörspiel nicht mehr zu. Wenn ich aufräume, kann ich keine Musik hören, bei der ich mich auf unbekannte Texte konzentrieren muss. Und wenn ich am Laptop arbeite, brauche ich manchmal Stunden (!) länger für meine eigentliches Vorhaben, weil ich nebenher noch Mails checke, das Handy vibriert und ich doch schon immer mal nachgucken wollte, wie oft Kaninchen im Jahr eigentlich ihr Fell wechseln.
Da wird das „Multitasking“ zum absoluten Ablenkungsmanöver. Das Hirn konzentriert sich nicht mehr lange genug auf eine Sache. Und mein Hirn steht scheinbar auch darauf, sich ständig abzulenken und lieber tausend Sachen gleichzeitig zu wuseln, anstatt mal etwas zu Ende zu bringen.


Und auch das fällt mir auf: Sachen, bei denen ich nur diese eine Tätigkeit ausüben kann und maximal nebenher „nur“ denken kann, scheinen furchtbar unattraktiv. Lesen zum Beispiel. Und zwar nicht die kurzen Internetartikel. Sondern Bücher. Beim Lesen kann ich nichts anderes machen, als zu lesen, die Geschichte in mich aufzunehmen und darüber nachzudenken. Grundsätzlich toll. Für mein Hirn nicht die erste Wahl, weil so langwierig. Gestern habe ich seit langem mal wieder Geige gespielt. Dabei ist mein ganzes Wesen auf das Instrument, die Tonabfolge und Handgriffe konzentriert. Ich kann dabei an nicht viel anderes denken und meine Hände sind offensichtlich zu voll, um noch das Handy im Griff zu haben.


Dabei finde ich es eigentlich unglaublich entspannend, zu lesen, Geige zu spielen oder einfach nur mal an Stück zu schreiben ohne tausend Unterbrechungen und dadurch viel Zeitaufwand. Es stellt mich zufriedener, eine Sache voll und ganz zu machen und fertig zu bringen, als tausend angefangene Enden in der Hand zu haben und am Ende des Tages nichts wirklich erreicht zu haben.

Durch „Das Experiment2015 – 7 Wochen ohne Multitasking“ von der Autorin Kerstin Hack und Gespräche mit einer guten Freundin bin ich auf diese Thema aufmerksam geworden und einmal die Augen geöffnet, stolpere ich nun ständig über meine Unfähigkeit, nur eine Sache zu machen. Ich will es lernen, will es genießen, mich für eine Zeit nur auf eines zu konzentrieren und damit auch das Leben bewusster wahrzunehmen. 

Es ist die Kunst, sich selbst nicht länger vorzumachen, das Multitasking besonders gesund, effektiv und effizient sei, sondern eigentlich nur hinderlich ist.

 
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