Frühlingsregen. Teil 2.

Den ersten Teil der Geschichte kannst du hier lesen..

Und jetzt stand er da in diesem undefinierbaren Frühlingsregen und fror. Es hatte kein Eis gegeben. Sie hatte reden wollen. Klartext reden. Als ob es bei so einem Thema einen klaren Text geben würde. Er hatte es ihr von der ersten Sekunde angesehen, dass etwas anders war. Obwohl sie ihn geküsst hatte zur Begrüßung und sie nah beieinander saßen, waren ihre Augen distanziert. Er konnte nicht sagen, ob sie vorher geweint hatte. Aber an ihren Worten war nichts weinerliches zu erkennen. Ihre Worte waren klar. Zu klar irgendwie. Sie brauche Abstand. Eine Pause. Zeit. Sie wolle wissen was sie wirklich will. Das wären alles keine Kleinigkeiten mehr. Er würde die Probleme nicht ernst nehmen. Immer glauben, dass sich alles wieder einrenken würde. Aber sie wolle ihm keinen Vorwurf machen. Er hatte sie gefragt, ob sie Schluss machen will. Sie hatte mit den Schultern gezuckt und weggesehen. Sie wisse auch nicht, was sie wolle. Nur das es so nicht weitergehen könne. Ob er das nicht auch so sehen würde. Das würde doch jeder sehen.

Er hätte gerne geschrien. Nicht vor Wut. Oder vor Entsetzen. Er hatte ja gewusst, dass es noch was zu klären gab. Er hätte gerne geschrien, um sie nicht zu verlieren. Das schien ihm das einzige brauchbare Mittel. In die Welt schreien: Ich will dich nicht verlieren! Geh nicht weg von mir!
Aber er hatte natürlich nicht geschrien. Hatte sie nur angesehen. Ihre Augen. Ihre schönen braunen Augen, die ihn so distanziert anschauten. Und ihren Mund, der sagte: Sag doch was dazu! Du musst doch eine Meinung dazu haben! Und er hätte gerne was gesagt. So was wie: Ich verstehe dich. Ich weiß, was du meinst. Lass uns es trotzdem zusammen ausprobieren. Lass uns zusammen einen Weg finden. Aber geh nicht einfach weg. Doch die Worte hatten seinen Mund nicht verlassen. Die Gewissheit und damit die Angst, dass sie schon längst weg war, schnürten ihm die Kehle zu. Ich brauch halt Zeit für mich und muss nachdenken, meinte sie, nachdem er nichts als einen stummen Blick erwidert hatte. Wie lange?, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. Was weiß ich, sagte sie, solange bis ich weiß, was ich fühle, was ich will. Aber frag mich bloß nicht jeden Tag, ob ich schon fertig bin mit nachdenken, fügte sie vorwurfsvoll hinzu. Der Satz traf ihn fast mehr, als alles andere. Als ob er sie nicht respektieren würde. Na dann, sagte er. Das ist alles?, fragte sie. Du willst echt nichts dazu sagen? Ich kann nicht, sagte er leise. Sie schüttelte verständnislos des Kopf.

Und jetzt stand er in diesem beschissenen Frühlingsregen. Die Wolken hatten die Sonne ungefähr genauso schnell vertrieben, wie sie seine Zuversicht. Und jetzt wusste er: Es ist Frühling. Nicht Sommer. Jeden Moment können Wolken kommen und Regen und dann ist es kalt. Schatten und Regen sind im Sommer eine Wohltat. Im Frühling nehmen sie einem die Hoffnung. Aber sie gehören zum Frühling. Und wieso sollte man stundenlangen Sonnenschein erwarten, wenn die Zeit noch nicht reif ist? Geschrien hatte er immer noch nicht. Auch nicht geweint. Er schloss seine Augen und ließ den Frühlingsregen auf sich nieseln. Es dauert noch bis der wahre Sommer kommt.

Danke fürs Lesen.

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